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Martina

Martina

Alle Wendungen des Lebens bringen uns früher oder später immer zu diesen beiden Fragen zurück: Wer bin ich? Und – was will ich vom Leben?

Ich dachte viel über diese Fragen nach, denn Denken war eine meiner Stärken und eine meiner Lieblingsbeschäftigungen neben Kaffee trinken, mit Petzel im Einkaufszentrum abhängen und das Universum auseinandernehmen und neu zusammensetzen.
Bis mir eines Tages klar wurde, die Frage, die sich stellt, ist eine andere: Wer bin ich? Und – was will das Leben von mir?
Wieder dachte ich nach. Bis ich eines Tages begriff, diese Frage würde sich nicht mit denken lösen lassen. Die Antwort konnte ich nur in einem anderen Bewusstseinszustand erfahren. Aber wie um alles in der Welt kommt man (drogenfrei) in einen anderen Bewusstseinszustand?

Ich hatte Glück und wurde 1999 zu einem Meditationskurs eingeladen. Mein Interesse hielt sich in Grenzen, aber ich ging hin. Ich war von Anfang an begeistert. Nach einiger Zeit fiel mir auf, da ist ein Raum zwischen zwei Gedanken. Eine überwältigende Entdeckung. Immer wieder und immer öfter kehrte ich in diesen Raum zurück, um mich in seiner Stille und Schönheit auszuruhen. Ich schien ein natürlich Talent zu besitzen, im reinen Sein zu verweilen und hatte eine neue Lieblingsbeschäftigung: Aufhören mit dem Denken und ganz in der Fülle des Seins versinken. Wie wundervoll.
Dennoch merkte ich mit der Zeit, dass ich einen sehr starken Verstand habe, der nicht die geringste Lust dazu verspürte, seine Vorherrschaft so einfach abzugeben. Es hieß also, dranbleiben.
Zwei Jahre später, an einem warmen, angenehmen Nachmittag saß ich daheim auf der Terrasse, blicke in die hohen, alten Bäume des Gartens im 14. Bezirk und erfreute mich des Lebens, als sich plötzlich ein goldener Ball auf mich herabsenkte, über den Scheitel in mich eindrang und als Sonne in meinem Herzen explodierte. Damit war es aber nicht getan, es war, als würde eine Sonne nach der anderen in mir explodieren, gefühlt tausende. Die Sonnen erfüllten mich mit einer überströmenden Liebe, für die es keinen Grund gab. Ich merkte, dass alles aus dieser Liebe bestand, dass alles in dieser Liebe seinen Ursprung hatte und dass alles EINS war – nicht im übertragenen, sondern im buchstäblichen Sinn. Das blieb den Menschen aber meistens verborgen, weil sie – richtig – mit Denken beschäftigt waren. Und zwar ständig.
2012 hatte ich ein mystisches Erlebnis, bei dem ich begann, zu sinken, ganz ganz tief zu sinken. Es machte mir Angst. Ich sank in eine Tiefe, die mir unbekannt und ein völlig neuer Ort für mich war. Ich überlebte diese Angst und nachher war nichts mehr, wie es vorher war. Ich konnte jetzt alles, was geschah, bis an seine Wurzel sehen. Ich konnte es zurückverfolgen, verstehen und auflösen. Immer wieder sah ich die Wörter: Güte. Verständnis. Mitgefühl. Vergebung.
An einem heissen Juli Tag im Jahr 2013 begegnete mir UG Krishnamurti. In einem Prozess, der mehrere Tage dauerte, mir starke körperliche Schmerzen bereitete und große Angst machte („Okay, jetzt werde ich endgültig verrückt.“) war es, als würde mein gesamtes Leben von mir abfallen. Ich hatte keine Vergangenheit und Zukunft mehr und nichts, was mir jemals wichtig gewesen war, war mehr wichtig, aber auf positive, angenehme Art. Es gelang mir nicht mehr, weiterhin am Spiel der Welt in der Form, wie es erwartet wird, teilzunehmen.
2014 reiste ich nach Indien. Eines Tages, als ich in Tiruvannamalai herumspazierte und diesen weiblichen, weichen, indischen Vibe einsog und mich total glücklich fühlte, geschah es, dass ich – wieder einmal – ein euphorisches Erlebnis hatte. Ich wurde total von Euphorie erfasst und drohte vor Glücksgefühlen zu zerspringen, bis plötzlich irgendetwas geschah und ich mich in allem sehen und erkennen konnte, in jedem Menschen, in jedem Baum, in jedem Stein, in den Wolken am Himmel… Ich versuchte erst gar nicht, das Erlebte zu verstehen.